Deutscher Blog

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Die Bedingungen für das Evernet

Zuerst veröffentlicht auf dieser Website am 26. März 2001.

Ich bin ein unverbesserlicher Optimist, wie man in Zukunft, wenn man es nicht ohnehin schon weiß, an meinen Visionen bemerken wird. Personen, die vor zukünftigen Entwicklungen warnen, gibt es ohnehin genug, also ergreife ich das Wort für all' jene, denen die Zukunft gar nicht schnell genug kommen kann.

Zu dieser Zukunft gehört für mich das Evernet. Den Begriff machte der Autor Thomas Friedman in seinem Buch 'The Lexus and the Olive Tree' bekannt, und obwohl ähnlich, haben die meisten Leuten, wenn sie diesen Begriff verwenden, doch eine andere Vorstellung davon.

Die meine möchte ich im folgenden kurz vorstellen.

Das Evernet ist eine logische Fortführung des Internets. Die Anfänge können wir schon sehen, die ersten Schritte in diese Richtung sind getan. Dazu gehören mobile Geräte, die etwa das Wap-Protokoll verstehen, dazu gehören Flughäfen, Kongresshallen und Hotels, die ihren Besuchern überall Zugang zum Netz über ein BlueTooth-Netzwerk anbieten. Hier soll es aber nicht um die technischen Details gehen, sondern darum, was man alles damit erreichen kann.

Wer heute ins Netz geht, muss meist einem viele tausend Mark teuren Rechner anwerfen, sich ins Netz einwählen und dann kann er los in die nahezu unendliche Welt der Daten. Um aber schnell das TV-Programm zu durchsuchen, um herauszufinden, zu welcher Zeit doch noch die Wiederholung der Fernsehserie kommt, oder um schnell die Schlagzeilen der Tagesschau durchzulesen, dafür ist das Internet, so wie wir es kennen, einfach nicht geeignet. Wie kann man das ändern?

Dazu müssen gleich mehrere Entwicklungen zusammenkommen: statt einen PC, denn man hochfährt, sollte es Geräte geben, die sofort bedienbar sind, wie wir es vom Fernsehen, vom Telefon oder vom Buch her kennen. Keine oder kaum Wartezeit erhöht die Akzeptanz ungemein. Diese Geräte sollten auch ständig mit dem Netz angeschlossen sein - entsprechend benötigt man unbedingt sogenannte Flatrates. Wieviel würden wir wohl fernsehen, wenn wir nicht einmal im Monat die Grundgebühr zahlen müssten, sondern pro gesehene Minute? Wie hoch wäre dann unsere Akzeptanz für Werbung, für Verlängerungen von Shows, für Änderungen im Programm?

Um also dem Internet zur nächsten Evolutionsstufe zu verhelfen benötigen wir dringend Pauschaltarife und stabile Rechnersysteme und Geräte. Erst dann wird ein kleiner, günstiger und robuster Bildschirm mit einfachen Bedienelementen die Fernsehzeitschrift und wohl auch die Tageszeitung und das Wochenmagazin im Wohnzimmer ersetzen können. Gerade Zeitschriften, die das Fernsehprogramm abdrucken, sind ein vollständig und verlustfrei ersetzbares Medium. Papier ist dafür eigentlich ungeeignet.

Man stelle sich stattdessen einen kleinen, stabilen Bildschirm vor, vielleicht so groß wie die bisherige Programmzeitschrift. Das Gerät weiß auf alle Fälle, welche Sender wir überhaupt empfangen können, zeigt uns also nicht die Programme der exotischen Sender. Wir können ihn zudem auch weiter personalisieren und ihm auch erzählen, welche Sendungen wir mögen. Das Gerät wird die entsprechenden Sendungen hervorheben. Zudem kann schaut sie auch nicht immer nur ein oder zwei Wochen in die Zukunft, sondern gleich soweit, wie die Fernsehanstalten geplant haben. Wir werden mit diesem Gerät nie wieder einen Film mit unserem Lieblingsdarsteller verpassen, nie wieder eine Diskussion zu einem bestimmten Thema. Gleichzeitig können wir auch die zeitlichen Rahmen geschickter anpassen, statt die jeweilige Seite umständlich durch Blättern zu suchen, kann stets das aktuelle Programm als erstes zu sehen sein. Bewertungen von Fernsehfilmen von Redakteuren, die widerum von uns bewertet werden, wie sehr wir mit deren Kritiken übereinstimmen, erlaubt uns ein auf uns zugeschnittenes Bewertungssystem für Filme. Auch der wöchentliche Papiermüll, der durch die Zeitschriften in Millionen von Haushalten verursacht wird, entfällt. Bewahren sie mal ihre eigenen Tageszeitungen, Zeitschriften und Fernsehprogramme für nur einen Monat auf, und dann rechnen sie auf ein Jahr und eine Stadt hoch.

Auch Nachschlagewerke wie der Fischer Weltalmanach oder Enzyklopädien sind nicht für die Papierform geschaffen: ständig ändert sich etwas, und egal wie dick diese Bücher sind, nie enthalten sie alles. Das Netz bietet dagegen ein gewaltigen Fundus an Wissen an, und selbst solch renommierte Nachschlagewerke wie die Enzyklopaedia Britannica oder die Bertelsmann Lexiktohek sind inzwischen kostenlos im Netz zu benutzen, zudem mit Volltextsuche und logischen Verknüpfungen durchsuchbar. Wer will da noch die Bücher im Regal, außer zur Repräsentation, sprich: zum angeben?

Vision
Nodix

Die Handschuhe

Nur wer an sich selbst denken kann, kann auch an andere denken.

Leben zu retten, Krankheiten zu besiegen, Hunger zu stillen, Wilde zu besänftigen - all das lag in seiner Hand. Und das war tatsächlich so zu verstehen: er trug Handschuhe. Eine Berührung dieser Handschuhe vermochte all das Obige zu vollbringen, und noch einiges mehr. Er wurde gefeiert als großer Retter, die Kirchen und Sekten beteten ihn als ein Wunder an, und all das wurde dadurch, daß er für seine Hilfe kein Entgelt verlangte, noch gestärkt.

Er hatte Hunderten geholfen, Tausende und Abertausende glücklich gemacht und unzähligen Millionen neue Hoffnung gegeben. Neben ihm verblassten die Propheten und Gottessöhne vergangener Epochen, und sein Wort, welches eine Botschaft von Frieden und Freundschaft in die Welt trug, wog mehr als das Wort der Wissenschaftler und Politiker.

Bloß sich selber konnte er nicht helfen, nicht glücklich machen und neue Hoffnung geben. Er war nicht krank. Das hätte er ertragen. Er konnte nicht fühlen.

Dieselben Handschuhe, die der Segen der Welt waren, und die, wenn man den Propheten einiger Sekten Glauben schenken darf, ein neues Zeitalter herbeibringen werden, waren für ihn ein Fluch wie er schlimmer nicht hätte sein können. Er konnte nicht fühlen. Und für einen Blinden, wie er es einer war, bedeutete das Fühlen eine ganze Welt der Erlebnisse, die ihm sonst verschlossen bleibt. Die Welt wird ihrer Form beraubt, ist nur noch ein wiederhallendes und riechendes Etwas ohne Formen, ohne Struktur.

Aber um diese Welt wäre es ihm auch nicht schade. Doch seine Welt hatte er auch verloren. Weder konnte er seine Frau fühlen, noch seine Kinder. Er hat seine Kinder noch nie gefühlt. Nur ihre Stimmen kannte er. Spukgespenster, wirre Ansammlungen von Schwingungen, nichts greifbares, nichts bemerkbares. Und seine Frau, eine verblassende Erinnerung an eine Zeit, in der zwar die Welt wie immer war und nahe einer Katastrophe, aber in der er eine Welt hatte, die er fühlen konnte. Eine Welt, an der er sich trotz allem halten konnte. Eine Welt die war. Nicht eine Welt, die er annahm.

Würde er die Handschuhe abnehmen, könnte er wieder fühlen. Doch dann würden sie ihre Macht verlieren. Und sein Glück musste doch zurückstehen hinter dem Glück der Welt. Er würde als Held in die Geschichte eingehen. Aber das kümmerte ihn nicht. Er würde als Retter der Welt in Jahrtausenden bekannt sein. Aber das kümmerte ihn nicht. Er hatte einer Fünfjährigen ihrem angefahrenen Hund das Leben gerettet. Das kümmerte ihn. Und deshalb zog er die Handschuhe nicht aus.

Das ging immer so weiter. Er wurde älter und trauriger. Immer mehr Menschen kamen zu ihm, immer mehr verdankten ihm sein Leben. Immer mehr wurde alles zu einem abgedroschenem Ereignis, so dass er zwar Leute heilte, nicht mehr aber versuchte die Welt zu verbessern und Frieden und Freundschaft unter die Menschen zu bringen. Tag für Tag, Monat für Monat, und schließlich Jahr für Jahr.

Immer so weiter.


Eines Tages war seine Tochter sehr krank. Er war nicht besorgt, er wusste ja, dass er sie mit einer Berührung heilen konnte. Also ging er zu seiner Tochter ans Krankenbett und legte ihr die Hand auf die Schulter.

Doch nichts geschah. Die Tochter blieb krank.

Die Ärzte waren sofort besorgt, ob die Wunderkraft der Handschuhe nicht nachgelassen habe. Doch schnell fand man heraus, dass sie nach wie vor arbeiteten, besser sogar als je zuvor.

Doch ihn interessierte das nicht. Er war besorgt um seine Tochter, und wusste nicht, was er tun sollte. In den letzten Jahren hatte er selten etwas gefühlt, und so traf es ihn diesmal um so härter. Wie ein Orkan der in einer windstillen Zone wütet.

Am nächsten Tag saß er den ganzen Tag bei seiner Tochter. Er wusste nicht, was er tun sollte und war vollkommen hilflos. Da erschien eine Fee.

"He, Alter Mann, was seid Ihr denn so traurig?", fragte ihn die Fee. Er drehte sich in die Richtung, von der er die Stimme vernahm, um, und fragte, wer da sei. "Eine Fee bin ich, und wer seid Ihr?" Knapp beantwortete er die Frage und schilderte, was ihm geschehen. "Soso, nun denn, ich habe die Lösung für dein Problem", sagte die Fee in Art der Feen, denn diese vermögen alles zu machen, worauf er sofort wieder Hoffnung fand. "Du musst sie nur berühren!" Da aber ließ er alle Hoffnung fahren, und ward noch trauriger als zuvor. Die Fee machte sich nunmehr auch noch lustig über ihn. "Als hätte ich das nicht schon längst getan. Dutzende Male habe ich sie berührt, aber nichts half", entgegnete er.

"Falsch!", warf die Fee ein. "Kein einziges Mal hast du sie berührt, Alter Mann." Er schien verwirrt. Aber natürlich hatte er sie berührt. Doch es half nicht. "Aber ich habe sie doch berührt", begann er kläglich, doch bevor er seinen Satz zu Ende bringen konnte, sagte die Fee kopfschüttelnd: "Ich dachte du seist blind, nicht taub. Du hast deine Tochter nie berührt." Und da verstand der Mann.

Langsam zog er seine Handschuhe aus. Erschrocken über die Vorgänge betrachteten ihn die Ärzte, wie er dies tat, doch keiner schaffte es, ihn aufzuhalten. Und als er schließlich beide Handschuhe ausgezogen hatte und man beide verschrumpelten Hände sehen könnte, beugte sich der Mann über seine Tochter und umarmte sie.

An jenem Tag wurde nicht nur seine Tochter gesund, sondern auch er wurde gesund, all die Bitterkeit war von ihm gewichen.

Und auch wenn er nicht mehr die Leben retten, die Krankheiten besiegen, den Hunger stillen und die Wilden besänftigen konnte, so konnte er doch mit gutem Herzen die Nachricht von Frieden und Freundschaft in die Welt tragen - und siehe da: schon bald gab es immer weniger Menschen, die seine Macht gebraucht hätten.


Ursprünglich veröffentlicht Mitte der 1990er in der Schülerzeitung des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Stuttgart. Im Internet zuerst veröffentlicht auf meiner Site am 5. Juni 2001. Die Geschichte war inspiriert von einer Geschichte die in dem Film "Garp und wie er die Welt sah erzählt wird.

fiction
Nodix

Die Legende von Castle Darkmore

Nie und nimmer hätte ich es für möglich gehalten, dass es tatsächlich eine Welt gibt, die so anders ist, als das, was wir kennen.

Wenn Du diese Geschichte gelesen hast, wirst Du meine Verwunderung und meinen Unglauben vielleicht verstehen - denn in einer Welt voller Geister und Hexerei schienen wir bisher nicht gelebt zu haben.

Doch all das änderte sich für mich an einem Abend, den ich in Schottland verbracht hatte, und an dem mir diese ganz andere, und doch unsere Welt, offenbar wurde...


Im letzten Sommer besuchte ich eine Freundin von mir, Jasmin, die in Schottland studierte. Ich hatte sie vor einigen Jahren im Urlaub kennengelernt und sie seitdem nicht mehr gesehen. Sie studierte in Edinburgh und lebte zeitweise über die Semesterferien bei ihren Verwandten in Inverness. Ich wurde also nach Schottland eingeladen, und da ich schon immer mal den Ben Nevis oder das sagenumwoben Loch Ness sehen wollte, ging ich auf die Einladung ein und reiste hin. Die Fahrt verging ruhig und ohne besondere Zwischenfälle, lediglich die Fähre bei Calais hatte eine Stunde Verspätung.

In Inverness angekommen hatte ich zunächst einige ruhige Tage. Inverness ist ein anschaulicher Ort mit kaum mehr als 30000 Einwohnern, für unsere Maßstäbe also ein unbedeutendes Provinznest. Dennoch hatte ich eine angenehme Zeit und amüsierte mich. Ich hatte mir auch einige Male Loch Ness angeschaut, doch leider nicht das berüchtigte Ungeheuer gesehen (dafür aber einige interessante Souvenirs entdeckt: es gibt dort nämlich "Ungeheuerbrunftschreipfeifen" oder etwa bestimmtes Lockfutter für Monster. Auch besuchte ich ein kleines Privatmuseum, in dem neben so unglaublichen Dingen wie Zähnen und Hautstücken von Nessie noch wissenschaftliche Testergebnisse und viele Zeugenaussagen (vor kurzem erst gab es den 1500. Augenzeugen) und andere Sachen zu begutachten waren. Allerdings musste ich enttäuscht feststellen, dass ich keinen echten Beweis für das Monster gesehen hatte).

Eines Nachmittags stellte mir Jasmin Devon McAdams vor, ein Mitstudent mit auffällig schwarzen Haaren und irgendwie deplaziert wirkenden, grünen Augen, der in Augustin, einem kleinen Ort am Südende des Sees aufgewachsen ist und sich hier wie in seiner Westentasche auskennt. Er schlug vor, dass wir uns das alte Schloss am westlichen Ufer des Sees mal anschauen könnten. Er würde uns gerne führen.

Da ich bereits auf der Hinfahrt das Schloss bemerkt hatte, willigte ich ein, und zwei Tage später saßen Jasmin, Devon und ich in seinem Wagen und waren unterwegs nach Castle Darkmore.


Schloss Darkmore schien wie ein ausgehöhlter, zahnloser Schädel über die Weiten des Loch Ness zu schauen, es zu bewachen und dem Monster zuzuschauen. Wir betraten das Schloss durch das halb verfallen Tor und waren im Schlosshof. Nur wenige der Erker standen noch aufrecht, und auch ein großer Teil der Mauer ließ einen Blick in die schöne, grüne Landschaft der Umgebung zu. Devon beschrieb uns einige Kleinigkeiten, als wir das Schloss näher inspizierten.

"Wollt ihr die Legende hören, die sich um dass Schloss rankt?", fragte uns Devon, als ihm die Informationen auszugehen schienen. Ich bejahte seine Frage sofort, ich war schon immer interessiert an alten Legenden und Märchen.

"Nun gut.", fing Devon an, "Einst lebte hier ein mächtiger und edler Ritter, der das ganze Gebiet um das Loch Ness bewachte, und der den stolzen Familiennamen McGalahad trug, war er doch ein direkter Abkömmling des großen Galahad, der dereinst mit König Artus als ein Ritter der Tafelrunde auszog, den heiligen Gral zu finden...

McGalahad schritt auf und ab, sein rabenschwarzes Haar flatterte im Wind, den er durch seine eigene Bewegung verursachte. Er war nervös. Bisher war er nur selten nervös geworden, aber je älter er wurde, umso öfter geschah dies.

Er wurde alt. Er hatte immer noch keine Frau fürs Leben gefunden, und erst recht noch keinen Erben für sein kleines Reich. Früher, ja früher waren ihm die Frauen nachgerannt, er hatte in wildem Kampf Jungfrauen und Prinzessinnen aus den Klauen von Straßenräubern und Dunklen Rittern gerettet. Oft hatte er wilde Nächte, doch war er stets darauf bedacht, keine Kinder zu bekommen, weil er sich nicht reif dazu fühlte. Und auch weil er noch ungebunden durch die Welt ziehen wollte, um weiter Abenteuer zu erleben und Heldentaten zu vollbringen.

Und so kam es, dass er nie die Frau fürs Leben fand, denn als er ruhiger wurde, waren alle Frauen seines Alters vergeben, und die Jüngeren samt und sonders nicht an einem so alten Ritter interessiert.

Zunächst störte dies den Ritter nicht, doch keine Aufgabe löst sich von alleine, wenn man sie nur lange genug vor sich herschiebt, und so auch diese nicht. Zudem war dies eine jener Aufgaben, die - da zu lange aufgeschoben - schließlich zu Leid führen würde. Je älter er wurde desto dringender erschien es ihm, einen Erben haben zu müssen, auf dass die alte und stolze Linie der McGalahads nicht auf ewig erlöschen möge - denn er war der Letzte der McGalahads.

Tag für Tag wurde der Ritter verzweifelter, verbitterter, und verlor mehr und mehr die Regeln, die ein Held beherzigen sollte, aus dem Gedächtnis und so kam es, dass auch sein einst so edles Gemüt verdarb.

So kam es, dass er eines Tages einfach nach Augustin ritt, welches zu seinem Lande gehörte, die nächste hübsche Frau - eine Schönheit mit Augen strahlend wie Smaragde - die in seinen Blick geriet, nahm, die Nacht mit ihr verbrachte und ihr, ohne dass sie es wollte, die Unschuld raubte.

Doch das Schicksal ließ den Ritter nicht unbestraft, hatte er doch in seiner Unachtsamkeit die Tochter des Kräuterweibs gewählt, und so, als sie von des Ritters Untat vernahm, legte das Kräuterweib, die auch eine Hexe war, einen uralten Fluch auf den Ritter, der sagte, dass er der Letzte sein wird vom Blute des Galahad, der diese Welt verlassen sollte.

Der Ritter besann sich und hasste sich selbst ob seiner Tat, doch selbst die tiefste Reue vermag nichts ungeschehen machen. Als er den Fluch der Hexe vernahm, überfiel ihn der Kummer und schließlich starb er vor Gram.

"Dieser Teil der Legende", so versicherte mir Devon, "ist die reine Wahrheit, und man kann ihn im alten Buch der Chronik vom Castle Darkmore nachlesen. Doch jener Teil, der die Geschichte so richtig interessant macht, ist wahrscheinlich vim Volk dazuerfunden worden, denn angeblich soll es sich danach wie folgt zugetragen haben..."

Doch nun schien es so, als ob sich der Fluch der Hexe nicht bewahrheiten sollte: ihre Tochter war, wie man bald erkannte, schwanger und erwartete ein Kind des verfluchten Ritters. Und wenige Monate später wurde ihr das Kind geboren, ein wunderschönes Mädchen mit den rabenschwarzen Haaren des Ritters und den smaragdgrünen Augen der Mutter.

Doch nur auf den ersten Blick schien der Fluch nicht in Erfüllung getreten zu sein: wenige Monate nach der Geburt des Kindes machte sich eine kleine Gruppe von Holzfällern und Jägern auf den Weg zu Schloß Darkmore, um einige Wertsachen zu holen, so daß das Kind ein angenehmes Leben führen könne.

Und so kam an jenem Tag die schreckliche Wahrheit ans Licht: Ein Geist bewohne das Alte Schloss, der Geist des Ritters McGalahad, tot zwar, doch so lange an diese Welt gebunden, bis der Letzte seiner Nachkommen sterbe, so daß er schließlich als Allerletzter seiner Familie diese Welt verlassen und seinen Frieden finden könne. Er bat die Gruppe, das Kind umzubringen, doch keiner brachte es über das Herz, und so lebte das Kind, wurde groß, heiratete und gründete eine Familie, und die Legende sagt, dass auch heute noch Nachkommen des verfluchten Ritters in Augustin leben sollen.

Und heute, zwölf Jahrhunderte nach dem Tod des Ritters, soll sein Geist nachts immer noch durch das Schloss ziehen und nach Möglichkeiten und Mitteln suchen, mit denen er seine eigenen Nachkommen umbringen kann, so dass er endlich eines Tages seinen Frieden finden kann.

Mir zog ein kalter Schauer über den Rücken. Während Devon die Geschichte erzählt hatte, war es etwas kühler geworden und die Sonne hing schon sehr tief und machte sich auf, hinter der hügeligen Landschaft des westlichen Schottlands zu verschwinden.

Wir fuhren zurück nach Inverness und vergaßen die Geschichte schnell wieder.


Bis heute habe ich auch nicht an die Geschichte gedacht - doch als Jasmins Brief vor zwei Tagen ankam, erinnerte ich mich schnell wieder an die Legende.

Man hatte Devon in der Nähe des Schlosses erdrosselt aufgefunden, irgendein Wahnsinniger muss ihm Ketten um den Hals gelegt haben und dann so die Kehle zerquetscht.

Normalerweise würde mich das nicht weiter beunruhigen.

Doch mein Familienstammbaum zeigt eine schottische Lady, die den Mädchennamen McAdams trug.


Ursprünglich um 1992-1996 (?) in unserer Schülerzeitung veröffentlicht, dann am 27. März 2001 auf Nodix wiederveröffentlicht.

fiction
Nodix

Oh! Dalmatien

oh! Dalmatien von Doris Akrap erschien vor wenigen Wochen, ein sogenannter Insider-Guide, im Folio-Verlag. Darin enthalten sind drei Dutzend kurze Artikel, jeder etwa drei Seiten lang, mit Geschichten aus und zu Dalmatien. Zum Dalmatinischem Essen und Trinken, zur Dalmatinischen Lebensweise, der lokalen Sprache, den Winden der Region und welchen Einfluss sie auf das Gemüt haben, interessante Anekdoten zur Kultur und zur Geschichte.

Die Schreibweise ist durchgehend unterhaltsam und flott, die Geschichten hängen nicht zusammen und können in beliebiger Reihenfolge gelesen oder übersprungen werden, sie sind kurz, so das man sie in kurzen Pausen lesen kann -- die perfekte Reiselektüre für Dalmatien.

Besonders gefallen hat mir das Einweben der Immigrationskindererfahrungen der Autorin, deren Echo ich in meiner eigenen Familiengeschichte fühlen konnte. Wieviel ihrem Vater das Haus in Dalmatien bedeutete. Wie sehr sie selbst daran hing und wie das Haus sie durch ihr Leben begleitete, auch über den Tod ihres Vaters hinaus. Die dramatische Familiengeschichte im zweiten Weltkrieg. Aber all das überschattet nicht die Leichtigkeit des Buches, und es bleibt eine unterhaltsame und dennoch lehreiche Sommerlektüre, die einen Einblick in diese wunderschöne Region erlaubt.

Selbst der Artikel über Brač hat mir unerwarteter weise etwas völlig unbekanntes eröffnet, die Band Valentino Bošković und ihre sehr absurde Musik und Mythologie.

Das Buch hat sich für mich gelohnt, und ich kann es nur empfehlen!

Simia

Das Mädchen Doch


Sie sagten ihrer Mutter
Kinder werde sie nie haben
Und als sie geboren wurde
Nannte ihre Mutter sie
Doch

Sie sagten sie sei schwach
Und klein und krank
Und dass sie nicht
Lange zu leben habe
Doch

Ihre Mutter hoffte
Das sie in einer Welt aufwuchs
In der alle gleich behandelt wurden
Aber leider
Doch

Sie sagten Mathe und Autos
Seien nichts für Mädchen
Dass sie sich interessiert
Für Puppen und für Kleidung
Doch

Sie sagten die Welt
Ist wie sie ist
Und sie zu ändern
Sei nichts für kleine kranke Mädchen
Doch

Sie sagten gut dass Du darüber sprachst
Wir sollten darüber nachdenken
Lass uns jetzt darüber debattieren
Und wir (nicht Du) entscheiden dann
Doch

Sie sagten man kann nicht alles haben
Man muss sich entscheiden
Aber so selbstsüchtig
Ich meine, keine Kinder zu wollen
Doch

Sie sagten sie sei unanständig
So ein Leben sei nicht richtig
Benannten sie mit unanständigen Worten
Was sie sich denn erlaube
Doch

Sie sagten das geht doch nicht
So ein Leben sei kein Leben
Das ist jetzt schon sehr anders
Das ist nicht einfach nur Neid
Doch

Sie sagten wir sind halt nicht so
Und wollen auch nicht so sein
Wir sind glücklich wie wir sind
Und deswegen darfst du glücklich nicht sein
Doch

Simia

Ina Kramer (1948-2023)

1990 erschien die erste aventurische Regionalkarte "im 3D Effekt", wie es damals beworben wurde, "Das Bornland" im Abenteuer "Stromaufwärts" von Michelle Schwefel. Später im Jahr erschien dann die Spielhilfe "Das Königreich am Yaquir", in dem die Karte zum Lieblichen Feld war.

Ich habe stundenlang diese Karten angestarrt. Sie waren so unglaublich detailliert. So wunderschön. Ich war sprachlos, wie schön diese Karten waren. Ich kannte nichts was die Qualität dieser Karten hatte, nicht nur bezüglich Karten für Rollenspielwelten und Fantasywelten, sondern überhaupt.

Es war ein frecher Traum, sich vorzustellen, ganz Aventurien in diesem Format, eins zu einer million, zu haben, und dennoch, innerhalb eines guten Jahrzehnts war der Traum erfüllt, Box für Box, Publikation für Publikation.

Wir verdanken dieses Meisterwerk, Aventurien im Massstab von 1:1.000.000, der Autorin und Grafikerin Ina Kramer. Ina's Bilder und vor allem Porträts und Karten in den DSA Publikationen der späten 80er und den 90er haben für mich mein Bild von DSA und wie ich mir Aventurien vorstellte geprägt wie sonst nur Caryad. Ob das Porträt von Kaiser Hal, Haldana von Ilmenstein, Prinz Brin, so viele andere. Neben ihren Bildern schrieb sie auch vielerlei Texte, vor allem Romane.

Das Rad ist zerbrochen. Am 10. Februar 2023 ist Ina Kramer im Alter von 74 Jahren gestorben.

Ina, vielen Dank für Deine Werke. Ich durfte Ina ein paar Mal treffen, auf Konventen und manchen anderen Gelegenheiten. Ihre Werke haben für mich einen wichtigen Teil meines Lebens mit Bildern und Karten erfüllt. Ich glaube auch, dass Inas Karten mein lebenslanges Interesse an Landkarten weckte.

Simia

Karl-Heinz Witzko

Ich hatte unglaublich gutes über das DSA Abenteuer "Jenseits des Lichts" gehört. Aber auch, dass es sehr schwer zu spielleiten sei. Ich sprach Karl-Heinz Witzko darauf an, den Autor des Abenteuers, und er sagte, er würde es für mich leiten. Wir müssten nur eine Zeit finden.

Wann auch immer wir uns trafen, versprachen wir uns gegenseitig, Zeit dafür zu finden. Ich hatte das Buch gekauft, aber natürlich nicht gelesen, und war immer sehr gespannt darauf, was es wohl mit dem Abenteuer auf sich hatte.

Karli hat zu DSA seine ganz einzigartige Stimme beigetragen. Ein Werk wie DSA, eine Welt wie Aventurien, entstammt nicht aus dem Kopf einer einzigen Person, sondern hunderte schufen und trugen bei. Und Karli's Stimme hatte ihren ganz eigenen Humor, und erweiterte die Welt um Perspektiven und Eigenheiten die sonst nie entdeckt worden wären. Ich habe seine Romane mit viel Schmunzeln gelesen, seine Solos sehr gerne und wiederholt gespielt und erforscht, nur sein einziges Gruppenabenteuer kannte ich nicht. Nach seiner Zeit bei DSA schrieb Karli weitere Romane und erschuf weitere Welten.

Am 29. September 2022 ging Karli von uns. Der Name Karl-Heinz Witzko wurde aus dem "Buch der Anwesenden" gestrichen, und ins "Buch der Abwesenden" eingetragen. Altem Brauch auf Maraskan folgend werden Karli nun die Sechszehn Ratschläge mit auf dem Weg gegeben, und die Sechszehn Forderungen gestellt. Ich hätte gerne gehört oder gelesen, was Karli aus diesen gemacht hätte.

Danke für Deine Worte. Danke für Deine Zeit. Danke für Deinen Humor.

Heute schlug ich "Jenseits des Lichts" auf und fing an zu lesen.

Simia

Jochen Witte

Jochen Witte war ein Freund meiner Schulzeit. Ich habe viel von ihm gelernt, er konnte all diese praktischen Sachen zu denen ich nie einen Zugang hatte und von denen ich oft wünschte, ich könnte sie. Von ihm lernte ich, was eine gute Soundanlage braucht und warum Subwoofer groß sein müssen und was Subwoofer überhaupt sind. Zusammen schleppten wir schwere Boxen, um Unterstufendiscos und Abischerze und Vorträge zu ermöglichen. Von ihm lernte ich die Vorzüge des Gaffertapes kennen, und dass es nicht nur silbernes Klebeband ist. Er war der erste, der mir Mangas und Anime ein wenig näherbrachte, insbesondere hatte er eine Leidenschaft für Akira. Er ließ mich das erste Mal die elektronische Musik von Chris Hülsbeck und Jean-Michel Jarre hören. Er las ASM, ich las Power Play. Wir spielten eine zeitlang DSA miteinander. Er war der erste den ich kannte mit einem Pager. Er wirkte stets so als konnte er alles reparieren, und es war gut so jemanden zu kennen.

Gleichzeitig waren einige meiner Freunde und ich ihm gegenüber nicht immer freundlich, oh nein, im Gegenteil, manchmal war ich geradewegs grausam. Ich mache mich über seine Brille lustig oder sein Gewicht, und konnte Punkte damit sammeln, über ihn Witze zu machen. Ich wusste es war falsch. Wir waren ja schon die Außenseiter in der Klasse, und ich versuchte ihn zum Außenseiter der Außenseiter zu machen. Meine einzige Entschuldigung ist, dass wir Kinder waren, und ich noch nicht die Stärke hatte, besser zu sein. Ich lernte viel daraus, und wollte nie wieder so sein. Mit der Zeit verstand ich mich besser. Wo diese Grausamkeit herkam. Und das es nicht an Jochen lag, sondern in mir. Ich schäme mich für vieles was ich tat. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals bei ihm entschuldigt habe.

Und dennoch glaube ich waren wir Freunde.

Nach der Schulzeit verloren wir uns aus den Augen. Er studierte Chemie in Esslingen, wir trafen uns hin und wieder im Movie Dick zur Sneak Preview. Er zog nach Staig im Alb-Donau-Kreis und fand sich als Goth wieder. Aber über die Jahre hinweg, gerieten wir hin und wieder in Kontakt.

Eine unserer gemeinsamen Erinnerungen war, wie wir zusammen zu einem Vortrag von Erich von Däniken fuhren. Es war mein Auto. Wir hatten einen Platten, und während er es zum Laufen brachte - wie gesagt, er konnte alles reparieren - fragte er mich, wann ich denn das letzte Mal nach dem Öl geschaut habe. Ich muss so belämmert reingeschaut haben, dass er nur noch lachen konnte. Die Antwort war "Nie", und er sah es in meinem Gesicht. Jedesmal wenn wir uns trafen, sprach er mich auf diesen Abend an.

Jochen half mir beim Umzug nach Karlsruhe. Das Gästebett passte nicht richtig zusammen. Er sagte er könnte es festziehen, aber ich würde es nie wieder auseinander bekommen. Es wird schwierig, damit umzuziehen. Ich sagte, das ist OK, ist ja nur ein billiges IKEA Gästebett Couch Dings. Ich habe nicht vor, damit umzuziehen, versicherte ich ihm.

Ich zog damit von Karlsruhe nach Berlin. Von Berlin nach Alameda. Innerhalb von Alameda. Von Alameda nach Berkeley. Es hat den Umzugshelfern jedesmal Kopfzerbrechen bereitet, genau wie Jochen versprochen hatte. Letzte Woche brach ein Stück ab. Ich sitze jetzt darauf und schreibe das hier. Nach fast einem Jahrzehnt sollte ich es wohl endlich austauschen.

Das letzte mal trafen wir uns ganz zufällig 2017 am Stuttgarter Bahnhof. Ich war überhaupt nur ein Mal im letzen halben Jahrzehnt wieder in Deutschland. Und da, am Bahnhof, traf ich ihn. Es war schön, Jochen wiederzusehen, und wir redeten als ob wir uns immer noch täglich sehen würden, wie zwanzig Jahre zuvor. Als ob das Abitur erst gestern war.

Diese Woche erfuhr ich von Michael, dass Jochen verstorben ist. Er starb nur wenige Monate nach unserem zufälligen Treffen, im April 2018. Er wurde nur vierzig Jahre alt.

Es tut mir leid.

Und noch viel mehr: Danke.

Ruhe in Frieden, Jochen Witte.

Simia

Der Name Zdenko

Heute sah ich dass der Artikel Zdenko - mein eigentlicher Name - auf der Englischen Wikipedia verändert wurde. Jemand hatte die Bedeutung des Namens von dem, was ich für richtig hielt (slawische Form von Sidonius) zu etwas was ich nie zuvor gehört habe (Koseform von Zdeslav) verändert, aber nicht die Quelle angepasst. Ich dachte, das wird eine schnelle Korrektur, habe aber dennoch in die Quelle geschaut - und, schau an, die Quelle sagte weder das eine noch das andere, sondern behauptete der Name stammt von dem slawischen Wort zidati, bauen, errichten.

Das führte mich zu einer zweitstündigen Odyssee durch verschiedene Quellen des 19. und 20. Jahrhunderts, wo ich Belege für alle drei Bedeutungen finden konnte - außerdem Quellen, die behaupteten, dass der Name von dem Slawischen Wort zdenac, Brunnen, abgeleitet ist, dass auch der Name Sidney von Sidonius stamme, und eine Hessische Quelle die vehement darüber schimpfte, dass doch Zdenko und Sidonius nichts miteinander zu tun haben (auch die Slowenische Wikipedia sagt, dass die Namen Zdenko und Sidonius zwar einen gemeinsamen Namenstag haben, aber nicht der gleiche Name sind). Dafür aber führt die gleiche Quelle aus, dass der im Osthessischen gebrauchte Name Denje wohl von Zdenka kommt (so nah an Denny!)

Denje gefällt mir als Name.

Kurzgesagt: wenn Du denkst, Etymologie sei kompliziert, sei gewarnt: Anthroponomastik ist deutlich schlimmer!

Simia

Something Positive in Deutsch wieder online

2005 und 2006 übersetzten Ralf Baumgartner und ich die ersten paar Something Positive comics von R. K. Milholland ins Deutsche. Die 80 Comics, die wir damals übersetzt haben, sind hiermit wieder online. Wir haben noch vier weitere Comics übersetzt, die in den nächsten Tagen auch nach und nach online kommen werden.

Viel Spass! Oh, und die Comics sind für Erwachsene.

Something Positive

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