Die Handschuhe

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Nur wer an sich selbst denken kann, kann auch an andere denken.

Leben zu retten, Krankheiten zu besiegen, Hunger zu stillen, Wilde zu besänftigen - all das lag in seiner Hand. Und das war tatsächlich so zu verstehen: er trug Handschuhe. Eine Berührung dieser Handschuhe vermochte all das Obige zu vollbringen, und noch einiges mehr. Er wurde gefeiert als großer Retter, die Kirchen und Sekten beteten ihn als ein Wunder an, und all das wurde dadurch, daß er für seine Hilfe kein Entgelt verlangte, noch gestärkt.

Er hatte Hunderten geholfen, Tausende und Abertausende glücklich gemacht und unzähligen Millionen neue Hoffnung gegeben. Neben ihm verblassten die Propheten und Gottessöhne vergangener Epochen, und sein Wort, welches eine Botschaft von Frieden und Freundschaft in die Welt trug, wog mehr als das Wort der Wissenschaftler und Politiker.

Bloß sich selber konnte er nicht helfen, nicht glücklich machen und neue Hoffnung geben. Er war nicht krank. Das hätte er ertragen. Er konnte nicht fühlen.

Dieselben Handschuhe, die der Segen der Welt waren, und die, wenn man den Propheten einiger Sekten Glauben schenken darf, ein neues Zeitalter herbeibringen werden, waren für ihn ein Fluch wie er schlimmer nicht hätte sein können. Er konnte nicht fühlen. Und für einen Blinden, wie er es einer war, bedeutete das Fühlen eine ganze Welt der Erlebnisse, die ihm sonst verschlossen bleibt. Die Welt wird ihrer Form beraubt, ist nur noch ein wiederhallendes und riechendes Etwas ohne Formen, ohne Struktur.

Aber um diese Welt wäre es ihm auch nicht schade. Doch seine Welt hatte er auch verloren. Weder konnte er seine Frau fühlen, noch seine Kinder. Er hat seine Kinder noch nie gefühlt. Nur ihre Stimmen kannte er. Spukgespenster, wirre Ansammlungen von Schwingungen, nichts greifbares, nichts bemerkbares. Und seine Frau, eine verblassende Erinnerung an eine Zeit, in der zwar die Welt wie immer war und nahe einer Katastrophe, aber in der er eine Welt hatte, die er fühlen konnte. Eine Welt, an der er sich trotz allem halten konnte. Eine Welt die war. Nicht eine Welt, die er annahm.

Würde er die Handschuhe abnehmen, könnte er wieder fühlen. Doch dann würden sie ihre Macht verlieren. Und sein Glück musste doch zurückstehen hinter dem Glück der Welt. Er würde als Held in die Geschichte eingehen. Aber das kümmerte ihn nicht. Er würde als Retter der Welt in Jahrtausenden bekannt sein. Aber das kümmerte ihn nicht. Er hatte einer Fünfjährigen ihrem angefahrenen Hund das Leben gerettet. Das kümmerte ihn. Und deshalb zog er die Handschuhe nicht aus.

Das ging immer so weiter. Er wurde älter und trauriger. Immer mehr Menschen kamen zu ihm, immer mehr verdankten ihm sein Leben. Immer mehr wurde alles zu einem abgedroschenem Ereignis, so dass er zwar Leute heilte, nicht mehr aber versuchte die Welt zu verbessern und Frieden und Freundschaft unter die Menschen zu bringen. Tag für Tag, Monat für Monat, und schließlich Jahr für Jahr.

Immer so weiter.


Eines Tages war seine Tochter sehr krank. Er war nicht besorgt, er wusste ja, dass er sie mit einer Berührung heilen konnte. Also ging er zu seiner Tochter ans Krankenbett und legte ihr die Hand auf die Schulter.

Doch nichts geschah. Die Tochter blieb krank.

Die Ärzte waren sofort besorgt, ob die Wunderkraft der Handschuhe nicht nachgelassen habe. Doch schnell fand man heraus, dass sie nach wie vor arbeiteten, besser sogar als je zuvor.

Doch ihn interessierte das nicht. Er war besorgt um seine Tochter, und wusste nicht, was er tun sollte. In den letzten Jahren hatte er selten etwas gefühlt, und so traf es ihn diesmal um so härter. Wie ein Orkan der in einer windstillen Zone wütet.

Am nächsten Tag saß er den ganzen Tag bei seiner Tochter. Er wusste nicht, was er tun sollte und war vollkommen hilflos. Da erschien eine Fee.

"He, Alter Mann, was seid Ihr denn so traurig?", fragte ihn die Fee. Er drehte sich in die Richtung, von der er die Stimme vernahm, um, und fragte, wer da sei. "Eine Fee bin ich, und wer seid Ihr?" Knapp beantwortete er die Frage und schilderte, was ihm geschehen. "Soso, nun denn, ich habe die Lösung für dein Problem", sagte die Fee in Art der Feen, denn diese vermögen alles zu machen, worauf er sofort wieder Hoffnung fand. "Du musst sie nur berühren!" Da aber ließ er alle Hoffnung fahren, und ward noch trauriger als zuvor. Die Fee machte sich nunmehr auch noch lustig über ihn. "Als hätte ich das nicht schon längst getan. Dutzende Male habe ich sie berührt, aber nichts half", entgegnete er.

"Falsch!", warf die Fee ein. "Kein einziges Mal hast du sie berührt, Alter Mann." Er schien verwirrt. Aber natürlich hatte er sie berührt. Doch es half nicht. "Aber ich habe sie doch berührt", begann er kläglich, doch bevor er seinen Satz zu Ende bringen konnte, sagte die Fee kopfschüttelnd: "Ich dachte du seist blind, nicht taub. Du hast deine Tochter nie berührt." Und da verstand der Mann.

Langsam zog er seine Handschuhe aus. Erschrocken über die Vorgänge betrachteten ihn die Ärzte, wie er dies tat, doch keiner schaffte es, ihn aufzuhalten. Und als er schließlich beide Handschuhe ausgezogen hatte und man beide verschrumpelten Hände sehen könnte, beugte sich der Mann über seine Tochter und umarmte sie.

An jenem Tag wurde nicht nur seine Tochter gesund, sondern auch er wurde gesund, all die Bitterkeit war von ihm gewichen.

Und auch wenn er nicht mehr die Leben retten, die Krankheiten besiegen, den Hunger stillen und die Wilden besänftigen konnte, so konnte er doch mit gutem Herzen die Nachricht von Frieden und Freundschaft in die Welt tragen - und siehe da: schon bald gab es immer weniger Menschen, die seine Macht gebraucht hätten.


Ursprünglich veröffentlicht Mitte der 1990er in der Schülerzeitung des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Stuttgart. Im Internet zuerst veröffentlicht auf meiner Site am 5. Juni 2001. Die Geschichte war inspiriert von einer Geschichte die in dem Film "Garp und wie er die Welt sah erzählt wird.

fiction
Nodix

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